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Das Glatte war schon immer geil! Ergänzende Gedanken zu Byung-Chul Hans Interview über Ästhetik

Les Trois Grâces 2.jpg
Les Trois Grâces 2“ von James PradierVassil (2007/03/11). Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons.

Das Glatte, wovon Byung-Chul Han in dem Interview mit der ZEIT spricht charakterisiert ganz sicher nicht nur das Ideal unserer Gegenwart. Es ist sicherlich ein heutiges Ideal, aber das war es vermutlich schon sehr sehr lange.

Wenn man zum Beispiel in Francis Bacons “The New Atlantis” schmökert, entdeckt man zahlreiche Beschreibungen von und Sehnsüchte nach glatten, schimmernden, ästhetischen Dingen. Das Buch wurde im Jahr 1627 publiziert. 

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich nennt in seinem Buch “Haben Wollen” diese dingliche Begierde “Virginität”. Die Jungfräulichkeit, die Makellosigkeit – eine Idealvorstellung seit es dreckige, sündhafte und verdorbene Menschen wie uns gibt. Das Glatte soll uns eine makellose Unschuld projezieren, in einer Welt, die alles andere als makellos ist.

Und vermutlich erscheint die Politik heute so glatt, weil auch hier die Begierde des Wählers und der Medien nach Glattheit befriedigt werden soll, die Sehnsucht nach einer heilen und problemlosen, glatten Welt.

Die medial vernetzte Wirklichkeit macht das Schmutzige nun viel sichtbarer. Fiese Aussagen von Politikern, die sowas früher ungeniert an Hotelbars kundtun konnten, landen nun plötzlich in jedem Newsfeed und damit in allen Köpfen der Republik und das Echo folgt umgehend. Wir schleifen mit unserem Feedback und durch jede geäußerte Empörung die Politiker selbst zu einem glatten, funkelnden Etwas.

Wir wollen das Glatte – und auch wieder nicht. Denn was wäre das Schöne ohne das Hässliche, ohne den Kontrast, ohne die notwendige Aus- und Abgrenzung, ohne die wir Ästhetik gar nicht als solche empfinden könnten? Wenn alles wirklich glatt wäre würden wir vermutlich das Wilde und Animalische wieder als suüerästhetisch empfinden. Alles nur eine Frage der Verfügbarkeit. Denn das macht uns am allerschärfsten: Dinge, die nur schwer zu haben sind. So wie die zig Jungfrauen im Paradies, auch wieder so eine glatte, verführerische Vorstellung.

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