Patrick Breitenbach Weblog

Die große Angst vor der Entzivilisierung ist vielleicht der kleinste gemeinsame versöhnliche Nenner

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Die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft, der fortschreitende Vertrauensverlust in die vier wichtigen Gewaltinstanzen unseres Staates (Legislative, Judikative, Exekutive und Presse) ist eine besorgniserregende Entwicklung, die uns vermutlich genau dahin führt, wo die Mehrzahl der Gesellschaftsteilnehmer eben gerade nicht hinmöchte: Es ist die Angst vor der allgemeinen Entzivilisierung, die uns alle vereint und uns zugleich anfällig macht für jede Form von Demagogie, die uns dazu verführen will unsere zivilisatorische Grundsubstanz aufzugeben: Den funktionierenden freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat, der das einzelne Individuum vor willkürlicher Gewalt von anderen Individuen, Gruppen oder Strukturen schützen soll und allen Menschen auf dem Territorium – unabhängig von Status, äußeren Merkmalen oder Geschlecht – gleiche Rechte einräumt, sofern sie dieses Grundprinzip ebenfalls achten.

Wer gegen die Grundrechte verstößt, muss dafür vom legitimierten Gewaltmonopol zur Rechenschaft gezogen werden. Egal ob Menschen sexuell belästigt werden, Häuser oder Autos in Brand gesetzt werden oder Menschen öffentlich zur Gewalt gegen die Gewaltmonopole (Politiker, Polizei, Journalisten) aufrufen. All das sind Spielarten massiver Entdemokratisierung und Entzivilisierung, die wir als „Verfassungspatrioten“ (im Sinne von Habermas) einfach nicht mehr dulden dürfen und an denen wir gemeinsam hart arbeiten müssen.

Ja, die Gesellschaft scheint in diesen Tagen und Wochen extrem gespalten. Ist sie aber vielleicht gar nicht so, wie wir uns derzeit in unseren eigenen emotionalen Erregungszuständen aus Angst und Wut hineinsteigern. Wir identifizieren derzeit zwar zwei sehr starke Pole, aber es gibt dennoch weiterhin einen gemeinsamen Nenner.

angst

Die eine Seite hat Angst vor einer nicht fassbaren und unkontrollierbaren Masse von Menschen, die unser Land „überfluten“. Wir wissen einfach nicht wer da kommt. Je größer die abstrakten Zahlen, je mehr Einzelfälle hoch und runter gespielt werden, desto größer wird natürlich die konkret gefühlte Angst interpoliert. Wir wissen unter den Millionen sind nicht nur herzensgute Wesen. Wir wissen darunter sind sehr viele Menschen, die schwer traumatisiert sind und die im Grunde auch kaum noch etwas zu verlieren haben, weil sie bereits fast alles verloren haben – bis auf ihr eigenes Leben.

Das macht vielen Menschen Angst. Gerade weil wir wissen, dass unsere eigene Zivilisierung so zerbrechlich ist, weil wir alle in uns das Triebhafte tagtäglich im Sinne der Zivilisierung bändigen müssen. Zivilisierung wird einem nicht in die Wiege gelegt, wir müssen sie erlernen, kultivieren und durch Sozialisation, Bildung und Erziehung tagtäglich erfahren. Im ersten Schritt ist der Fremdzwang (Gesetze und deren Umsetzung) notwendig, damit irgendwann der Selbstzwang (Selbstdisziplinierung) in zivilisatorische Selbstverständlichkeit (Ethik) übergehen kann.

Natürlich sind unter den vor Krieg, Terror oder unerträgliche Armut fliehenden Menschen auch Individuen, die durch diese erzwungene Entkoppelung der Zivilisation selbst unzivilisierte Taten verüben können. Aber ein derartiges Verhalten ist eben immer auch im Wechselspiel, in der kulturellen Beziehung zu sehen. Je mehr diese Menschen weiterhin bei uns keinerlei Perspektiven auf Gesellschaftsintegration erfahren, desto eher werden sie sich von der Zivilisation entfernen, denn wir schließen sie ja defakto davon aus. Zivilisierung ist nicht nur eine Pflicht, sie muss eben auch die entsprechenden Rechte einräumen.

Der „Zaun“, „die Mauer“, ist keine zivilisatorische „Patendlösung“. Denn wer „Zaun“ sagt, muss auch „Natodraht“ und „Schießbefehl“ gleich mit aussprechen. Und genau davor hat eben die andere Seite in diesem Konflikt sehr große Angst. Hier herrscht die Angst vor einer ganz anderen Form der Entzivilisierung: Die Angst davor, liebgewonnene europäische und friedensstiftende Freiheiten (z.B. Schengenraum), von denen wir alle massiv profitiert haben aufzugeben. Es herrscht auch die große Angst weit in die dunklen Stunden unserer Vergangenheit zurückzufallen. Angst vor der Zeit der Mauern, Stacheldrähte, Schießbefehle, pauschalisierender ethnischer Ausgrenzung und die willkürlich gewalttätigen Fackeln- und Mistgabeltragenden Straßentruppen, die einer völkischen Ideologie anhängen und als einzige zu wissen glauben, wie ein „reiner Staat“ auszusehen hat. Die fiebernde Imagination eines Staates, der sich global abgeschottet hat und sich von Vielfalt entledigt hat um nach einer einzigen wahren und reinen Ideologie zu existieren. Es ist hier die Angst vor einer Entzivilisierung durch erfolgreiche und handlunsgfähige Demagogie, die propagiert, dass man „mal eben“ zur Lösung eines extrem komplexen Problemes Teile unseres Grundgesetzes (also DIE zivilisatorische Instanz) ändern oder gar ganz abschaffen könnte und damit unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung massiv beschneidet.

breitenbach_2016-Jan.-20

Das brüllende Verharren zwischen den beiden Polen „Alles ist total gut“ und „Der Staat ist im totalen Chaos“ sind an der Stelle für die nun anstehende Herausforderung alles andere als hilfreich und verstärken nicht nur die gemeinsame Angst, sondern führen die angsterfüllte Prophezeiung Zug um Zug in ihre Erfüllung. Nun gilt es diese Entwicklung umzukehren. Hilfreich wäre es nun vielmehr sich unter der obersten Instanz der Zivilisierung, dem Grundgesetz, zu vereinigen und gemeinsam daran zu arbeiten, wie man das verloren gegangene Vertrauen in die jeweiligen Gewaltmonopole zurück erlangt. Verstöße gegen unsere zivilisatorischen Grundprinzipien müssen geahndet werden, aber nach den glasklaren Prinzipien unseres Rechtsstaates. Aber das bedeutet auch die Grundlagen dazu wieder her zu stellen: Der fatale Personalabbau in diesen Bereichen (gilt auch für Presse) muss mindestens rückgängig macht und zugleich Konzepte entwickelt und auch umsetzt, wie man alle(!) Teilnehmer dieser Gesellschaft unter dem Dach des Grundgesetzes und der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte integrieren kann. Dazu bedarf es Bildung, Pädagogik, Psychologie, soziale Konzepte, kurzum harte Arbeit der Sozialisation, die alle Teilnehmer dieser Gesellschaft im Grunde lebenslang erfahren müssen.

Die Medien könnten verstärkt Bildungsarbeit leisten statt in Talkshow-Arenen Menschen gegeneinander antreten zu lassen. Sie könnten die Debatte viel stärker kultivieren und zivilisieren. Die Rückbesinnung zur Mitte. Die Rückbesinnung zur Differenzierung und zur anstrengenden Aufklärung. Zugleich muss man den Menschen gleichermaßen, die bereits längst hier angekommen sind oder schon hier geboren wurden Perspektive anbieten, damit sie eben nicht in die befürchtete Gewalt- und Kriminalitätspirale hineingeraten. Wir müssen vor allem mit(!) jungen Männern in unserer Gesellschaft (egal ob „Biodeutsch“ oder sonstiger kultureller Hintergrund) sinnhaft arbeiten, ihnen entsprechende Perspektiven und Lern- Gestaltungsräume bieten, sie in Kontakt bringen mit einem zivilisierten Geschlechterbild und ihren Drang nach „Kick & Ehre“ in zivilisatorische Bahnen lenken.

Bei allen Ansätzen gilt es Ressourcen frei zu machen. Es geht nicht nur um Wohnraum und Versorgung, es geht um den Zugang zu unseren Grundwerten für wirklich alle Menschen in diesem Lande , für die viele von uns hoffentlich auch bereit sind zu arbeiten. Das alles – und noch sehr viel mehr – halte ich für wesentlich systemrelevanter als irgendwelche Großbanken mit großzügigen finanziellen Mitteln zu retten und zu glauben man könne die Spirale der Entzivilisierung durch fiktive Obergrenzen und gegenseitigen verbalen Attacken (Du Nazi! Du Gutmensch!), Schuldzuweisungen und Sündenbockentlastungen aufhalten.

Es gibt doch so viel zu tun. Lasst uns bitte endlich damit anfangen! Lasst uns wieder zivilisierter miteinander umgehen.

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