Patrick Breitenbach Weblog

Wider die anstrengende Aufklärung: Warum Extremismus im Jahr 2015 so attraktiv ist.

Patrick Breitenbach: Könnte man vielleicht sagen, Fundamentalismus ist deshalb für viele Menschen so attraktiv, weil es ein einfaches, beruhigendes Gegenmodell zu der immer freieren und pluralen und damit aber auch immer verwirrenderen, komplexer erscheinenden Gesellschaft darstellt?

Nils Köbel: Genau dies sagen viele Religionssoziologen. Fundamentalismus entsteht überhaupt erst im Zuge von Pluralisierungs- und Globalisierungsprozessen. (…) Wenn nun Religionen im Zuge von Modernisierungsprozessen in Kontakt kommen mit anderen Weltanschauungen, entsteht manchmal das, was der Soziologe Peter Ludwig Berger »kognitive Kontamination« nennt. Das heißt, eine bislang konkurrenzlose Wirklichkeitsauffassung muss sich der Situation stellen, dass es Menschen gibt, die anders denken und glauben. Plötzlich oder ganz allmählich wird klar: Es gibt noch andere Möglichkeiten, die Welt zu sehen.

Aus „Wie ich wurde, wer ich bin, und was wir einmal sein werden“

Natürlich lockt eine extremistische Gruppierung wie der Daesh viele junge Menschen auch mit der Verheißung von Abenteuer und Heldentum. Nicht umsonst bedienen sich die Propagandavideos einer modernen Computerspielästhetik. Jugendliche – meist ohne festen Platz und Rolle in der Gesellschaft – erhalten durch diese heroischen Versprechen eine ultimative Lebensperspektive, vielleicht auch gerade weil dieses Versprechen so eng an den Tod gebunden ist und somit extrem existentiell daher kommt. Unsere westliche Konsumgesellschaft greift das Thema Tod höchtens mal ganz schockierend in einem Werbespot für eine Supermarktkette auf, den Rest vom Tod blenden wir dann lieber mal komplett aus. Doch wenn man(n) den Tod in das Leben dermaßen integriert wie es beispielsweise Dschihadisten tun, dann verschwinden auch alle anderen eher banalen und alltäglichen Ängste des realen Lebens. Für Menschen, die sich gesellschaftlich unsicher fühlen, dürfte der Fall der letzten aller Ängste unglaublich befreiend und stabilisierend wirken. Die befreite Angst vorm Tod verleiht einem Menschen zu Lebzeiten ultimative Kräfte. (Hörenswert dazu Metrolaut #25: Kultur des Dschihad)

Doch ein weiterer Magnet dieser Bewegungen ist auf der intellektuellen Ebene zu finden. Vor allem geht es da um die Attraktivität für Symphatisanten, also den breiteren Nährboden von extremistischen Bewegungen, egal ob religiös, ideologisch, politisch, links oder rechts motiviert. Ich meine damit das einheitliche Versprechen all dieser Bewegungen auf Einfachheit, Klarheit und ultimativer Wahrheit. Extremistische Bewegungen verfügen alle gleichermaßen über eine Wissenshoheit und eine Vermittlung dieses Wissens durch strenges autoritäres Auftreten. Man kennt als Bewegung nicht nur die Ursachen allen Übels, man zeigt gleichzeitig auch klare einfache Lösungen und Handlungsanweisungen auf, wie man das Übel beseitigt: „Ausländer raus“. „Tötet alle Kuffars“. „ACAB“ etc. pp. Diese Versprechen sind natürlich dann besonders erfolgreich, sobald sie auf entsprechende gesteigerte Bedürfnisse treffen. Ist die allgemeine Lebenswirklichkeit eines Menschen unsicher, ungerecht oder chaotisch, steigt auch dessen Bedarf nach klarer Orientierung und einfachen Lösungsversprechen.

Fast ist man dazu geneigt zu behaupten, dass gerade die Aufklärung und dessen Werkzeug der Skepsis, also das Hinterfragen des scheinbar Selbstverständlichen, den einfachen, klaren und vor allem felsenfesten Welterklärungen und Autoritätsprinzipien den Boden entzog und zu Fall brachte, aber zugleich das Bedürfnis nach neuer Orientierung und Stabilität verursachte. Das Prinzip der Aufklärung würde ich eher als ein falsifizierendes Instrument beschreiben. Aufklärung wirft oft mehr Fragen als Antworten auf. Aufklärung als Prozess des ständigen Hinterfragens von Autorität kombiniert mit neugieriger Forschung, erzielte zahlreiche Paradigmenwechsel und hinterließ damit jede Menge zerstörter oder wenigstens angekratzte Weltbilder und -interpretationen. Aufklärung falsifizierte die bis dato herrschenden Diskurse und wirbelte sie erst einmal gehörig durcheinander und die bedrohten und halb zerstörten und verletzten Herrschaftsstruktur reagierten entsprechend. Zum Teil mit Desinformation und roher Gewalt. Aufklärung ist immer ein Feind von tradierten Machtbeziehungen, denn Aufklärung ist stets darum bemüht Informations- und Wissensasymmetrien, als wichtigstes Merkmal von Herrschaft und Macht, auszugleichen.

Die Aufklärung war sogar zeitweise so stark, dass sie das über viele Jahrtausende währende Narrativ eines unantastbaren und unfehlbaren Über-Ichs in Form von „Gott TM“ ins Wanken brachte. Niemand brachte das besser auf den Punkt wie Nietzsche mit seinem viel zitierten Aphorismus „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet.“. Mit dem Angriff auf das Konzept einer ultimativen nicht-stofflichen Macht bedrohte die Aufklärung natürlich auch die damit unmittelbar verbundenen stofflichen und institutionalisierten Herrschaftsgrundlagen von einzelnen sozialen Gruppen. Religionen oder Ideologien bildeten immer auch Herrschaftsstrukturen aus oder um sich herum, die grundsätzlich immer von Menschen (aus)geführt und zum großen Teil auch machtpolitisch mißbraucht werden. Egal welcher menschlicher Herrscher auf Erden verweilte, Gott als Idee einer überirdischen Instanz, galt als stabile und unablösbare Legitimation von Herrschaft. Somit konnte jeweils eine ganze Herrscherdynastie mit einem einzigen kleinen Narrativ, wie z.B. dem „Gottesgnadentum„, ihre Machtbeziehungen und -strukturen ultimativ über Jahrhunderte an sich binden auch wenn mal einzelne menschlicher Herrscherkörper durch Krieg, Krankheit oder Meuchelmord ums Leben kamen. Sofort war ein Stellvertreter zur Stelle, dank der etablierten nartrativen Struktur des Gottesgnadentums.

(c) Jan Tomaschoff
(c) Jan Tomaschoff

Aus dem Prozess der Aufklärung resultiert also auch immer eine entsprechende Verunsicherung. Doch man kann natürlich lernen mit dieser Verunsicherung umzugehen. Ein wichtiges Kennzeichen der Aufklärung ist eben auch die Erkenntnis, dass es bei sehr vielen Fragen der menschlichen Existenz und deren komplizierten Interessen- und Beziehungsgeflechten wirklich keine einfachen Antworten gibt. Die Aufklärung schaffte es zuvor unsichtbare Dilemmas und Paradoxien erst wirklich sichtbar zu machen. Doch genau diese Doppelbotschaften der verschiedenen konkurrierenden Narrative erzeugt einen inneren Erregungszustand der sogenannten „kognitiven Dissonanz„, einem schier unerträglichen inneren Spannungs- und Unruhezustand, den der Mensch umgehend ausgleichen muss.

Propagierte Doppelbotschaften (die in einer pluralistischen Gesellschaft ständig geschehen) wie „Wir schaffen das“ und „Wir schaffen das nicht“ erzeugen beim prinzipiell unentschiedenen Individuum ein Gefühl der inneren Anspannung, welches unsere Psyche unmittelbar auflösen, also klären, möchte. Dazu gibt es mindestens drei Strategien: Entweder man entscheidet sich für eine der beiden widersprüchlichen Positionen und beginnt die andere Perspektive rigoros auszublenden, wegzudrücken oder gar zu bekämpfen, weil man der Auffassung ist die eigene sei auch zugleich die ultimative Wahrheit. Die zweite Strategie ist das ultimative Abtauchen, indem man sich der jeweiligen Fragestellung vollkommen entzieht – also eine Form von Eskapismus, die sich durch bewusstes Desinteresse oder Ignoranz auszeichnet. Oder man entwickelt als mögliche dritte Strategie eine Haltung um dieses Spannungsfeld erst einmal als solches zu erkennen und es einfach mal an- und hinzunehmen. George Orwell beschreibt das als „Doppeldenk“. (Der Konstruktivismus ist zum Beispiel eine solche Haltung, die widersprüchliche Parallelwirklichkeiten erst einmal anerkennt und bei der die Wahrheit eine Art Halbwertszeit besitzen kann).

So oder so muss sich Mensch für eine dieser Strategien entscheiden um diesen drängenden psychischen bipolar anmutenden Unruhestand aufzulösen. Fundamentalisten haben sich für die erste Strategie entschieden. Sie sind überzeugt davon zu wissen was die Wahrheit TM ist und wie man Ungereimtheiten bestmöglich durch Patendlösungen auflöst. Doch nicht nur das. Sie versuchen dieses besondere Geheimwissen (weil alle anderen die das nicht so sehen sind halt entweder nicht auserwählt, ignorant oder einfach böse) an andere Menschen per Missionierung weiterzugeben oder gehen mitunter soweit alle die sich dieser Wahrheit nicht anschließen wollen oder nach wie vor dem skeptisch gegenüber stehen mit Verachtung und physischer Gewalt zu begegnen. Bis hin zur Ultima Ratio. Der Auslöschung von Ideen durch Zerstörung der körperlichen Ideenträger. So sind die grausamen Inszenierungen von Daesh mit den Enthauptungen durchaus mehrdeutig interpretierbar. Man tötet Menschen nicht einfach nur. Man schneidet Menschen vielleicht ganz bewusst den Kopf ab, um so auch symbolisch das Zentrum des widerständigen und zweifelnden Denkens und Seins (dem Gehirn) ein für alle Mal vom restlichen Körper, als SInnbild des Kollektisv, abzutrennen.

Wenn wir also darüber diskutieren, warum vor allem so viele junge Männer dieser Radikalisierung verfallen (egal ob Islamismus, Rechtsextremismus oder sonstige Formen) so muss uns klar werden, warum sie so anfällig für derartige „Sinnangebote“ sind. Junge Menschen (die sich von der Sozialisation ihrer Eltern lösen wollen und müssen) sind wesentlich stärker als andere Altersgruppen auf der Suche nach einer stabilen Orientierung, einen Platz in der Gesellschaft, einer klaren Rolle und Aufgabe und damit eben auch nach DER Wahrheit TM.

Heinz von Foerster - Wahrheit
Illustration von Isabella Blatter

Jugendliche (siehe Pubertät) sind vielleicht noch viel empfindlicher für kognitive Dissonanzen als die meisten abgestumpften Erwachsenen. Sie verlassen zudem ihr hermetisches Umfeld ihrer Familie und erkunden frei die Welt und treffen damit auf ganz neue Erzählungen und Weltansichten. Die zahlreichen Paradoxien appellieren oftmals an das nach wie vor vorhandene kindliche Bewusstsein einer idealen, heilen und gerechten Welt. Je mehr Dissonanzen, desto größer der innere Unruhezustand, desto größer das Potenzial von Rattenfängern aller Art vereinnahmt zu werden. Und an diesem Punkt ist die Philosophie der Aufklärung in einer wirklich bescheidenen Lage. Die Aufklärung kann aus sich selbst heraus keine eindeutigen, klaren und einfachen Antworten liefern. Das macht nicht nur die Menschen verrückt, sondern auch deren kommunikative Übertragungssysteme, also die Medien. Medien unterliegen immer wieder dem Zwang Sachverhalte möglichst, kurz, prägnant, eindeutig und am besten noch emotionalisiert darzustellen. Deshalb sitzen in den großen Talkshows auch nur selten nüchterne Wissenschaftler, denn sie können im Grunde nicht das liefern, was die Medienmacher und die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer von ihnen erwarten. Ein junger Mensch möchte, dass man ihm die Welt einfach erklärt wie sie WIRKLICH ist. Die Haltung der Aufklärung trägt aber bereits schon die Verweigerung dieser einfachen und eindeutigen Erklärung in sich. In der Aufklärung kann falsifiziert werden. Sie kann Theorien, Behauptungen und Vermutungen äußern. Aber stets stehen diese Wahrheiten auf sehr wackeligen Beinen jedenfalls immer solange wie sich eine Theorie bewährt. Im Konstruktivismus nennt man diesen Zustand „viabel“ oder „gangbar“. Etwas bewährt sich, aber etwas ist eben nicht absolut wahr oder dauerhaft gültig – kurzum in Stein gemeißelt.

Was also tun? Vertritt man die aufklärerische Haltung so kann es darauf natürlich keine einfachen Antworten geben. Nur Vermutungen. Aber eine Stärke der Aufklärung war eben auch ihr experimenteller Charakter. Aufklärung machte den Menschen Mut Dinge auszuprobieren und sie zu beobachten, interpretieren und auszuprobieren. Es gilt also wach und beweglich, aber vor allem dauerhaft im Gespräch zu bleiben. Denn eines kennzeichnet den Fundamentalismus ganz sicher. Fundamentalismus im Großen und Kleinen beginnt spätestens dann, wenn die Diskussion für beendet erklärt wird und somit gar nicht mehr zugelassen wird. Es gilt also weiterhin wie Michel Foucault einmal formulierte, das Gespräch permanent in Gang zu halten, aber dabei zugleich diesen inneren Unruhezustand durch Widersprüche auszuhalten. „Ängste kann man abarbeiten“ formulierte jüngst Herfried Münkler angenehm erhellend in einer deutschen Krawall-Talkshow. Man muss sich mit den Ängsten und Widersprüchen also intensiv und dauerhaft auseinandersetzen. Doch das kostet leider sehr viel Zeit, Geld und Geduld und liefert auch keinen unmittelbaren Profit oder lässt sich gar in eine gut vermarktbare Konsumform pressen. Eine echt gigantische Herausforderung in einer von Beschleunigung, wirtschaftlichem Wachstum und unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung geprägten Gesellschaftsform, die sich gerade dadurch zunehmend selbst entfremdet und damit unmittelbar auch ihre Verantwortung an Autoritäten abgeben muss.

Aufklärung, Demokratie, Pluralismus und eine freie und offene Gesellschaft sind und bleiben anstrengende Angelegenheiten, die uns keine unmittelbare materielle Befriedigung verschaffen und deren intellektuelle Befriedigung erst nach einer langen Zeit der Anstrengungen sichtbar wird -oftmals erst am Ende eines langen Lebens. Sie setzen voraus sich ständig selbst und die eigene Sozialisation in Frage zu stellen und das ein Leben lang. Aber am Ende muss es dennoch noch einen existentiellen Reiz geben für sie einzustehen. Es gilt vermutlich diesen Reiz neu zu entdecken, zu fördern und zu teilen. Doch haben wir dazu überhaupt noch die Zeit und Kraft? Wollen und können wir sie uns nehmen?

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